1. Begriff der personalen Kompetenz

Sucht man in der Literatur nach einer Definition des Begriffs der personalen Kompetenz findet man zwar unterschiedliche Begriffsbestimmungen, aber eine allgemeingültige Definition gibt es nicht.

Die personale Kompetenz bezeichnet Roth als die „Fähigkeit für sich selbst verantwortlich zu handeln“ [Ro71]. Sie beinhaltet Kriterien wie Selbsteinschätzung, Entwicklung eigener Begabungen und das Erkennen der eigenen Motivationen. Erpenbeck und Rosenstiel beschreiben diese „als die Kompetenz einer Person, reflexiv selbstorganisiert zu handeln“ [RoEr03].

Nach Czerwanski ist die personale Kompetenz eine Dimension der Lernkompetenz, welche eine Verknüpfung der Sozial-, Selbst- und Sachkompetenz umfasst. Dazu zählen Kriterien wie Einstellungen, Werthaltungen, Motivationen und Selbstwahrnehmungen der Lernenden [CzSoVo02].

Ausgehend von den heterogenen Begriffsbestimmungen in der Literatur wurde ein eigenes ‚Profil über personale Kompetenzen‘ entwickelt, welches als Grundlage für die weiteren Betrachtungen diente.

Profil der Dimensionen personaler KompetenzAbb.: Eigene Darstellung des Profils der personalen Kompetenz

Es umfasst insgesamt drei Dimensionen: Identität, Selbststeuerung und Reflexion. Die Abbildung veranschaulicht den Zusammenhang zwischen ihnen: Jede Dimension hat einen Einfluss auf eine andere. Zum Beispiel hat eine ausgeprägte Reflexionsfähigkeit und die damit verbundene realistische Selbsteinschätzung eine Auswirkung auf ein positives Selbstkonzept und somit die Identität.

Lehrer können nun Lernumgebungen schaffen und Lernprozesse initiieren. Es ist jedoch die Entscheidung von jedem Lernenden selbst, ob er sich auf solche Lernprozesse einlässt oder nicht. Es ist somit wichtig, grundlegende Einstellungen zur eigenen Person zu begleiten und zu unterstützen. Die IDENTITÄT „ist nicht etwas, das man von Geburt an hat […], sondern wird vom Subjekt in einem lebenslangen Prozess entwickelt“ [Ke02]. Es ist zu beachten, dass die Lernenden die Identität nicht endgültig besitzen und diese auch nicht intentional gelehrt werden kann, sondern kontinuierlich im Lernprozess gefördert, begleitet und unterstützt wird [Si93]. Diese Dimension der personalen Kompetenz beinhaltet im Folgenden Kriterien wie Selbstkonzept, Problembewusstsein und Frustrationstoleranz. Selbstkonzept wird als Summe aller Einstellungen und Bewertungen zur eigenen Person verstanden [Fa99] und ist „eine wichtige Voraussetzung für Lebenszufriedenheit, Gesundheit und Erfolg“ [Nu05]. Problembewusstsein ist von Bedeutung, da es unterschiedliche Arten von Lösungsstrategien bei einem Problem gibt und diese oft zu unterschiedlich zufriedenstellen-den Lösungen führen [SuWeSe05]. Frustrationstoleranz bezeichnet das Gefühl, eine Enttäuschung über einen bestimmten Zeitraum aushalten zu können. Diese Dimension umfasst somit die grundlegende Einstellung zur eigenen Person.

Genauso wie die Identität hängt auch die Dimension SELBSTSTEUERUNG von den Lernenden selbst ab, welche selbstständig den eigenen Lern- und Verhaltensprozess steuern. Die Lernenden, die über eine ausgeprägte Selbststeuerung verfügen, stellen sich gezielt neuen Anforderungen, ohne dabei überfordert abzubrechen. Die Förderung der Selbstständigkeit ist eines der Zielsetzungen der Erziehungsarbeit, denn die Lernenden sollen zu selbstständigen und selbstbestimmten Individuen ausgebildet werden [Se06]. Der Begriff der Lernmotivation wird hier durch die Neugierde und das Interesse an den unmittelbaren Gegebenheiten verwendet und als wesentlicher Bestandteil der Erwartung an die Lernenden gesehen. Des Weiteren beinhaltet die Eigeninitiative die Bereitschaft eigene Handlungen aufzunehmen. Somit ist die Dimension Selbststeuerung ein unerlässlicher Bestandteil der personalen Kompetenz.

Als dritte Dimension zielt die REFLEXION auf eine realistische Selbsteinschätzung der eigenen Stärken und Schwächen und die Entwicklung einer Kritikfähigkeit. Dabei sollen Meinungen, Haltungen und Lernprozesse konsequent reflektiert werden, um Erfahrungen selbstkritisch zu beurteilen und den Umgang mit zukünftigen Hindernissen zu verbessern. Laut Schräder-Naef gehört zur Förderung der Selbstreflexion das Bewusstmachen der eigenen Identität und damit nicht nur das Nachdenken über die eigenen Fehler und Probleme, sondern auch über Erfolge [Sc01]. Eine Voraussetzung zur Förderung der Selbstreflexion ist eine Wiederauffrischung der eigenen Denkprozesse, indem die Vergangenheit analysiert, die Gegenwart wahrgenommen und daraus Schlüsse für die Zukunft gezogen werden können. Es handelt sich dabei auch um einen Prozess, der einer wiederholten Einübung bedarf. Durch regelmäßige Reflexionen erkennen die Lernenden ihre Stärken und Schwächen und werden dadurch aktive Partner/innen im Lernprozess. Dies ist notwendig, damit Erfahrungswissen im „Prozess der Arbeit“ weiterentwickelt werden kann [St04]. In der Durchführung des Unterrichts und bei der Förderung der Selbstreflexion können dabei verschiedene Methoden zum Einsatz kommen. Dazu zählen unter anderem Selbsteinschätzungsbögen, Lernvereinbarungen, Portfolios, Zielformulierungen sowie gelenkte Unterrichtsgespräche und Fragebögen, die die Lernenden anregen sollen, über das eigene Tun und Handeln zu reflektieren.

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2 Kommentare zu “1. Begriff der personalen Kompetenz

  1. Tobias Beyer 16/06/2013 um 17:16 Reply

    Ich kann deinen Ausführungen gut folgen, allen voran, was die Selbststeuerung und die Reflexion betrifft.

    Hinsichtlich der identität bin ich mir über die Position unsicher, die du ihr gibst. Nun handelt es sich bei Identität über keine konkret realisierbaren Handlungen wie eben „Selbststeuerung“ oder „Reflexion“. Vielmehr sehe ich die Identität eines Menschen – betrachten wir ihn mithilfe der pädagogischen Brille der Kompetenzorientierung – als ein Konglomerat seiner Eigenschaften.

    Durch jede meine Handlungen konstruiere ich Identität, was ich mir meist nicht bewusst mache. Fokussiere ich mich hingegen nur auf meine Person und stelle mir selbst Fragen wie: Wer bin ich? Welche Erwartungen habe ich an mich und an andere? Welche Ziele verfolge ich? Und gehe ich den gewonnenen Antworten schließlich mit einem Warum? nach, dass hoffentlich ehrliche Anworten produziert, kann ich mich dem, was als Selbstwahrnehmung bezeichnet werden kann, annähren.

    Sicherlich setzt sich die identität aus Verhaltensmuster, wie dem Umgang mit Frustrationen, zusammen. Jedoch vermisse ich bei deiner Aufzählung die Rolle der Fremdwahrnehmung.

    Ich selbst kann mich für einen sehr toleranten Menschen handeln und zwar aus verschiedensten Dispositionen und Erfahrungen. Dass dies wirklich so ist, dem kann ich letztlich nur dann ANSATZWEISE Wahrheit zusprechen, wenn andere Menschen mir dies bestätigen. Folglich kannst du selbst deine Identität zwar auf bestimmte Weise beschreiben, näherst dich aber erst durch eine Bestätigung so etwas wie einem Fakt an (ohne, dass es jemals ein absoluter Fakt sein kann).

    Abschließend würde ich die personale Kompetenz als etwas bezeichnen, was in engem Verhältnis zur Identität steht, sie unmittelbar mitkonstruiert; dennoch steht die Identität meines Erachtens hierarchich betrachtet über der personalen Kompetenz, da letztere nur ein Item dessen ist, was sich letztlich als Puzzle zur Identität zusammensetzt.

    • Anna Jablonski 16/06/2013 um 19:37 Reply

      Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar.

      In den folgenden Artikeln wird die Identität als Dimension der personalen Kompetenz verstanden. Durchaus gibt es andere Ansätze und Vorstellungen von dem Begriff und eventuell ist dieser hier als Oberbegriff für Kriterien wie Selbstkonzept, Problembewusstsein und Frustrationstoleranz eventuell unglücklich gewählt.

      Der Kommentar zeigt aber, dass eine Förderung dieser Dimension schwer zu antizipieren ist. In den folgenden Artikeln werde ich zeigen, dass eine Entwicklung der Identität, so wie ich sie hier definiert habe, möglich und sinnvoll ist. Eine vollständige Auseinandersetzung mit der Identität kann meiner Meinung nach auch erst durch eine Fremdwahrnehmungen erfolgen, deswegen, ohne viel vorwegzunehmen, verwende ich als ein Diagnoseinstrument einen Fremdeinschätzungsbogen zur Überprüfung des Geltungsanspruchs meiner Hypothesen.

      Ich hoffe auf weitere Diskussionsanregungen.

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