Kerngedanken aus “Anna, die Schule und der liebe Gott” und „Auf die Lehrer kommt es an!“

41mCr6rC-tL._SL160_PIsitb-sticker-arrow-dp,TopRight,12,-18_SH30_OU03_AA160_In den vergangenen Wochen und Monaten gingen viele Aussagen des Buches von Richard David Precht „Anna, die Schule und der liebe Gott – Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern“ durch die Medien. Unzählige Artikel und Berichte befassten sich kritisch mit der Abschaffung des Mathematikunterrichts, des Sitzenbleibens und der Noten. Doch sind die gewählten Diskussionspunkte auch die wichtigsten Aspekte der Precht´schen Betrachtungsweise?

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Die Diskussionen über die von ihm getroffenen Aussagen umfassten ein Meinungsspektrum von bloßen Utopiegedanken bis hin zu notwendigen Änderungen und vieles dazwischen. Anfangs empfand ich die geführte Diskussion um das aktuelle Bildungssystem als zu oberflächlich, bis ich mich selbst von einigen Aussagen Precht´s positiv überraschen lies. Sehr schnell konnte ich viele Ansätze und Ideen für mein eigenes Konzept finden und ich wurde abermals darin bestätigt, dass bestimmte Aussagen der Medien – was die Bildung betrifft – oberflächlich und irreführend sind. Das folgende Zitat gibt meiner Meinung nach die Kernaussage des Buches sehr passend wieder: „Bildung ist dann am effizientesten, wenn sie nicht unter Effizienz-Gesichtspunkten vorangetrieben wird.“ (S.94).

Die Konzepte zur „Bildungsrevolution“ von Richard David Precht beruhen u.a. auf den Ideen von Wilhelm von Humboldt, der die Aufgabe des Lehrens darin sieht die „Ausformung und Reifung der Persönlichkeit“ (S.33) zu ermöglichen. Die Lernenden sollen dabei lernen Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, sich einzubringen, mitzuwirken und dabei über den eigenen Tellerrand zu schauen (S.34). Precht definiert Bildung, als die Fähigkeit verschiedene Dinge produktiv miteinander verbinden zu können und damit vielfältige eigene Gedanken zu entwickeln (S.47).

Wie bereits angedeutet sieht er die Entfaltung der Persönlichkeit und die Vorbereitung auf vielfältige weitere Lebenswege eines einzelnen Lernenden als eine der wichtigsten Aufgaben des heutigen Bildungssystems an (S.106). Oftmals werden in der Schule aber (nur) Inhalte vermittelt, die zweifelsohne ihre Berechtigung haben, jedoch ist vieles von dem was in der Schule gelehrt wird für das zukünftige Leben nicht unbedingt relevant (S.118). Er betont auch, dass wir das Niveau in den Schulen unbedingt heben müssen und um dies zu erreichen sei es notwendig, die Stoffmengen zu reduzieren (S.119). Die Diskussion, ob wir Inhalte lehren oder Kompetenzen fördern ist immer in aller Munde, auch die (künstliche) Auseinandersetzung im Studium oder im Referendariat mit unterschiedlichen Methoden wird immer wieder diskutiert und kritisiert. Meiner Meinung nach werden diese Debatten mit der folgenden Precht´schen Aussage relativiert: „Es gibt keine richtige Methode für guten Unterricht, sondern ein hochkompliziertes Beziehungsgeflecht zwischen den Fähigkeiten des Lehrers und denen jedes einzelnen Schülers. Hier ist einmal das eine passend und ein anderes Mal das andere!“ (S.149). Er betont lediglich die Relevanz von sog. Schlüsselqualifikationen (Soziale, Fach-, Sach-, Führungs-, Durchsetzungs-, Methoden-, Selbst-, Lern-, Internet-, kreative, Innovations-, interdisziplinäre, verbale und nonverbale Sprachkompetenz und Kommunikationsfähigkeit, Kooperation sowie Konfliktlösung) und die selbstständige und individuelle Vernetzung dieser Kompetenzen. Das vorrangige Ziel, welches nicht nur Precht sondern auch Kant vertritt, sollte sein, die Lernenden zu mündigen und selbstbestimmten Menschen zu machen (S.216) und die Einzigartigkeit eines jeden Lernenden zu akzeptieren und diese individuell zu fördern (S.222). Dieses Ziel ist auch im Grundgesetz verankert und zeigt, dass es an sich kein Novum darstellt: (1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, […] (GG Art. 2).

Um das zu ermöglichen formuliert Precht 10 Prinzipien (S.288ff) für eine integrative statt selektive Schule:

  1. intrinsische Motivation pflegen
  2. individuelles Lernen ermöglichen
  3. Verstehen von Sinn und Sinnlichkeit der Dinge und der Zusammenhänge
  4. Bindung in die Gemeinschaft (Teams)
  5. Beziehungs- und Verantwortungskultur
  6. Werte und Wertschätzung fördern
  7. lernfreundliche Schularchitektur
  8. Konzentrationsfähigkeit trainieren (auch mal nein sagen können, sich sammeln, zur Ruhe kommen, Entspannungstechniken)
  9. persönliche Bewertungen
  10. Ganztagsschule

Neben der Auseinandersetzung mit dem Unterricht widmet sich Precht auch vielen Seiten der heutigen Bewertungsmöglichkeit (S.126ff) und der Persönlichkeit des Lehrers (S.138ff). Beide Aspekte sollen im Folgenden kurz zusammengefasst werden.

Eine kritische Betrachtung sieht Precht in der Bewertung durch Ziffernleistungen. Anders als in den Medien suggeriert wird, fordert er keine Abschaffung von Bewertungsmöglichkeiten, sondern eine Änderung dieser – passend zum Unterricht. Denn, ob ein Lernender die Note 2 oder 3 erhält, hat keine Aussage über seine tatsächlich erbrachte individuelle Leistung, geschweige denn über seine Persönlichkeitsentfaltung. Er betrachtet das heutige Bewertungsmodell als überholt und in bestimmten Punkten als gefährlich (z.B. soziale Selektion, psychischer Druck).

Des Weiteren betont Precht die Relevanz der Lehrer, welche eine hohe soziale- und personale Kompetenz aufweisen sollten. Sprachliche und fachliche Fähigkeiten spielen dabei auch eine Rolle, sind aber seiner Meinung nach nicht so bedeutend, wie z.B. der Umgang mit heterogenen Gruppen bzw. die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Er betont auch, dass es viel mehr auf menschliche Faktoren wie z.B. Empathiefähigkeit der Lehrenden ankommt und der Lehrer eine reife und kompetente Persönlichkeit ausstrahlen sollte.

In den Aussagen im Buch „Auf die Lehrer kommt es an! Für eine Rückkher der Pädagogik in die Schule“ zeigt Michael Felten auf, dass der Lehrer als derjenige zu sehen ist, der den größten Einfluss auf den Erfolg der Schule (des Unterrichts) aufweist. Er beschreibt spannend und eindrucksvoll, welche pädagogischen, methodischen und psychologischen Aspekte relevant sind, um den Kern des Lernens dem Leser aufzuzeigen: „Das menschliche Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern, die pädagogische Beziehung„.

Ganz am Anfang betont er, dass es „kein bestes Schulsystem – nur guten oder schelchten Unterricht“ (S.12) gibt. Anders als Precht kritisiert er nicht direkt das vorhandene Schulsystem bzw. den vorhandenen Messwahn (z.B. Pisa), sondern möchte in seinem Buch aufzeigen, welche Möglichkeiten wir jetzt schon haben damit Lernende erforlgreich lernen: „Wer möchte, dass Schüler in Deutschland erfolgreicher lernen, der braucht weder auf Umwälzuingen des Schulsystems zu hoffen noch steigende Bildungsausgaben abzuwarten – er kann schon morgen damit beginnen, an jeder Schule, in jeder Unterrichtsstunde.“ (S.66).

 Dabei setzt Felten auf lediglich drei Betrachtungsebenen: pädagogisch, methodisch und psychologisch und zeigt mit diesen nicht nur die Möglichkeiten auf, sondern auch die Irrtümer und Missstände.

felten

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