Kerngedanken aus “Visible Learning”

John Hattie stellt in seinem Buch „Visible Learning“ (deutsche Ausgabe: Lernen sichtbar machen) auf den ersten Blick nur wenig neue Erkenntnisse vor. Sein Gewinn liegt schwerpunktmäßig darin, dass er unzählige Studien zusammenfasst und darüber hinaus eine Größe (Effektstärke d) definiert wird, die die Auswirkung eines Faktors (z.B. Feedback, Hausaufgaben, Offener Unterricht) auf die Lernleistung eines Lernenden beschreibt. Das methodische Vorgehen innerhalb der Studie soll hier nicht thematisiert werden, lediglich die relevanten Aspekte und Folgerungen für den Unterricht heraus gegriffen werden (Die Ausprägungen der Effektstärke d befinden sich am Ende des Artikels). Hattie fasst die 138 unterschiedlichen Faktoren in sechs Domänen zusammen:

  1. Lehrperson (Durchschnittlicher Effekt aller Faktoren d = 0.49)

  2. Curricula (d = 0.45)

  3. Unterricht (d = 0.42)

  4. Lernende (d = 0.40)

  5. Elternhaus (d = 0.31)

  6. Schule (d = 0.23)

john-hattie-studie-visible-learning-lernen-sichtbar-machen-SPIEGEL-infografikDie folgende Grafik (Quelle siehe Literaturhinweise) zeigt einige der 138 Faktoren chronologisch vom Faktor mit dem größten Einfluss auf den Lernerfolg bis hin zu Faktoren die einen geringen bzw. keinen Einfluss aufweisen. Interessant ist dabei zu sehen, dass schulische Aspekte, wie ein Schulwechsel (Platz 138, d = – 0.34) und das Sitzenbleiben (Platz 136, d = – 0.16) den Lernerfolg eines Lernenden erheblich senkt. Aber auch strukturelle Faktoren, wie z.B. offener Unterricht (Platz 133, d = 0.01), Freiarbeit (Platz 132, d = 0.04), Jahrgangsübergreifender Unterricht (Platz 131, d = 0.04) und leistungshomogene Klassenbildung (Platz 121, d = 0.12), sowie Faktoren die die Lehrkraft betreffen – Lehrerbildung (Platz 124, d = 0.11) und die Fachkompetenz (!) (Platz 125, d = 0.09) keinen bzw. einen zu vernachlässigenden Effekt auf den Lernerfolg eines Lernenden zeigen. Der Begriff der Individualisierung ist in der heutigen Zeit kaum mehr wegzudenken. Demnach ist es erstaunlich, dass dieser Faktor lediglich einen kleinen Effekt (d = 0.23) aufzeigt. Schaut man sich jedoch die hier verwendeten Studien an, so zeigt sich, dass es sich um Studien aus den 80er bzw. Mitte der 90er Jahre handelt, bei denen der Individualisierungs-Begriff als individuelles Fördern aufgefasst wurde. Jedoch ist Individualisierung viel mehr, da nicht nur die Lehrkräfte die Aufgabe haben individuelles Fördern zu ermöglichen, sondern vor allem die Lernenden selbst Verantwortung dafür übernehmen sollten.

Deswegen sei an dieser Stelle angemerkt, dass die Zusammenfassung und Interpretation der vorhandenen Studien nicht einfach übernommen werden sollte und jeder Faktor und deren Effekte (sei es allein oder in Wechselwirkung mit anderen) hinterfragt werden muss. Anknüpfend daran, sei bemerkt, dass es schwer fällt einen „Königsweg“ bei der gesamten Betrachtung aufzuzeigen, da es diesen auf Grund der Komplexität der gesamten Thematik nicht geben kann.

Im Folgenden beschreibe ich kurz 3 der für mich wichtigsten Faktoren der ersten 10 Platzierungen (Der Einfluss der weiteren Faktoren kann im Buch nachgelesen werden).

  1. Selbsteinschätzung des eigenen Leistungsniveaus (Domäne Lernende, Platz 1, d = 1.44, S.52)

Die Selbsteinschätzung ist der Faktor mit dem größten Einfluss auf den Lernerfolg. Dabei geht es aber nicht nur um die Einschätzung der erbrachten Leistung bzw. des eigenen Könnens eines einzelnen Lernenden, sondern vielmehr um die Kompetenz zur selbstständigen Beobachtung und Steuerung des eigenen Handels. Dabei sollen die Lernenden ihre eigenen Lernprozesse mitgestalten und auch die der anderen Lernenden zunehmend sicherer einzuschätzen lernen. Dabei soll ihnen bewusst werden, wie sie lernen und wie die einzelnen Lernschritte zu den Ergebnissen führen. Sie kontrollieren und beeinflussen ihr eigenes Handeln. Folglich erscheint es wichtig, dass Lehrkräfte bei den Lernenden das Selbstvertrauen fördern und sie dahingehend ermutigen, sich (anspruchsvolle, aber auch realistische) Ziele zu setzen.

  1. Formative Evaluation des Unterrichts (Domäne Unterrichten, Platz 3, d = 0.90, S.215)

Evaluation begleitet einen Lernprozess und dient in erster Linie nicht der Bewertung, sondern der Verbesserung von Lehr- und Lernprozessen seitens der Lehrkraft. Formative Evaluation bezieht sich auf jegliche Aktivität die dazu benutzt wird, den Lernstand und Lernfortschritt von Lernenden während des Lernprozesses zu bestimmen (http://visible-learning.org/de/glossar-hattie-begriffe/). “Die entscheidende Botschaft für Lehrpersonen ist, dass sie die formativen Effekte ihres Lehrens beachten müssen. Denn es sind diese Eigenschaften […] die die Exzellenz des Lehrens ausmachen.”

  1. Feedback (Domäne Unterrichten, Platz 10, d = 0.73, S.206)

Feedback gehört zu den stärksten Einflüssen auf Leistung. “Die meisten Programme und Methoden, die am besten funktionieren, basieren jeweils auf einer kräftigen Portion Feedback”. Es wird aber nicht nur als etwas verstanden, was die Lehrpersonen den Lernenden geben, sondern auch in der Rückmeldung seitens der Lernenden in Form von Fehlern, vom Verständnis und von den Lernprozessen.

Als Grundlage wird in dem Buch der Begriff des Lernens beschrieben. Dabei geht Hattie davon aus, dass das Lernen das explizite Ziel ist und dieses im Lernprozess anspruchs- und absichtsvoll, sowie mit Feedback durch aktive leidenschaftliche und engagierte Menschen begleitet werden muss (S.27). Er betont, dass das was Lehrer tun enorm wichtig ist und beschreibt das Konzept des exzellenten Lehrens damit, dass es unmittelbare Erfahrungen, anspruchsvolle und spezifische Ziele, Möglichkeiten des Feedbacks und ein Verständnis von Bewältigungsstrategien aufweist. Dies sieht er als den Schlüssel für erfolgreiches Lehren und Lernen (S.30). Die Kombination von lehrerzentrierten Lehren und schülerzentrierten Lernen beschreibt er als sichtbares Lernen und betont, dass beide Aspekte miteinander verknüpft werden müssen, um sinnvolles Lernen zu ermöglichen.

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Ausprägungen der Effektstärke d:

  • d < 0.00: Faktor senkt den Lernerfolg eines Lernenden

  • 0 < d < 0.20: Faktor hat einen zu vernachlässigenden Effekt auf den Lernerfolg

  • 0.20 < d < 0.40: Faktor hat einen kleinen Effekt auf den Lernerfolg

  • 0.40 < d < 0.60: Faktor hat einen wirksamen Effekt auf den Lernerfolg

  • d > 0.60: Faktor hat einen großen Effekt auf den Lernerfolg

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